Kann ein Glaube helfen ? Oder sterben gläubige Menschen leichter ?
Spiritualität im Sterbeprozess
Kann ein Glaube helfen ? Oder sterben gläubige Menschen leichter ? Wir meinen Ja ! Doch was ist mit den Menschen die keinen Glauben haben ? Sind sie am Ende allein und völlig orientierungslos ? Oder wenden sie sich dann doch einem Glauben zu ?
Prof. Dr. Linus Geisler hat anlässlich des 16. Solinger Hospiztages am 28. Februar 2009 einen beeindruckenden Vortrag zur Spiritualität im Sterbeprozess gehalten. Mit freundlicher Genehmigung dürfen wir Auszüge aus diesem Vortrag auf unserer Internetseite veröffentlichen.
Die Frage, ob religiös oder spirituell ausgerichtete Menschen leichter sterben, stell sich jedem, der mit der Begleitung und Betreuung Sterbender zu tun hat, früher oder später. Sie erscheint selbstverständlich und lässt daher auf klare Antworten hoffen.
In den vergangenen 30 Jahren ist eine kaum überschaubare Forschung zu möglichen oder gesicherten Zusammenhängen zwischen Religiosität, Spiritualität und seelischem Befinden bei Sterbenden, geleistet worden. Eindeutige Antworten wären daher zu erwarten. Aber die eingehende Analyse enttäuscht. Dies ist umso erstaunlicher, als nahezu alle Religionen enge Bezüge zu Sterben und Tod und der damit verbundenen Sinnfrage erkennen lassen.
Jede Religion versucht das Verhältnius zum Tod zun definieren, legt seine Bedeutung fest und prägt in Glaubenssätzen und Ritualen die Art und Weise wie Menschen sterben.
Geburt, Sterben und Tod sind Ereignisse im menschlichen Leben, die eine primär spirituelle Dimension besitzen.
Alle Religionen dienen im weitesten Sinn der Lebens- und Todesbewältigung.
Für C.G. Jung waren die meisten Religionen komplizierte Systeme der Vorbereitung auf den Tod. In seiner Autobiografie nannte er als entscheidende Frage für den Menschen: "Bist Du auf Unendliches bezogen oder nicht ?"
Der Buddhismus gilt als eine Religion, die im Kern von der Auseinandersetzung mit dem Tod gekennzeichnet ist (Birgit Heller). Nach einem chinesichen Sprichwort soll, wer über das Leben Bescheid wissen möchte, Konfuzianismus studieren. Wer etwas über Tod und Sterben erfahren möchte, den Buddhismus. Viele Buddhisten unterziehen sich mehrfach am Tage einer intensiven Sterbemeditation.
Der Tod gilt dabei nicht als das Ende, sondern als Durchgang zu einer neuen Existenz. Dabei ist ganz entscheidend, dass das Bewusstsein in der Topdesstunde frei von Anhaftungen und Angst ist, konzentriert und voll spiritueller Kraft, d.h. vor allem von Liebe, Mitgefühl und Ich-Freiheit erfüllt (Michael von Brück).
Eugen Drewermann definiert Religion als den Versuch, einer Antwort auf die radikale Zufälligkeit und Ungesichertheit menschlichen Daseins, also auf die Sinnfrage.
Die Wiener Professorin für katholische Rheologie Birgit Heller bringt es m.E. auf die prägnanteste Formulierung: "Religionen sind Sinngebungssysteme".
Man könnte den Eindruckl haben, dass Religionen letztlich sogar mehr in Beziehung zu Sterben und Tod stehen, als zum Leben.
Warum also sind eindeutige Antworten auf den Einfluss von Religiosität auf menschliches Sterebn so schwierig ?
Dafür gibt es drei wesentliche Gründe:
1. Sterben ist ein hochindividuelles Geschehen. Jeder Mensch stirbt anders. Allgemeingültige Auslegungen und Handlungsanweisungen müssen daher im Kern fragwürdig bleiben.
2. Religiosität, Gläubigkeit und Spiritualität müssen differenziert betrachtet werden. Bestimmte Formen von Religion sind hilfreicher als andere. Dies muss zu differenten Antworten führen, die letztlich sogar gegensätzlich ausfallen können.
3. Schließlich: was ist unter "leichter sterben" zu verstehen ? Wenn das Sterben eines jeden Menschen so einmalig ist, wie der Abdruck seiner Hand - Elisabeth Kübler-Ross hat dieses Bild gebraucht - sind normierte Aussagen über die Sterbequalität kaum zu erwarten.
Der gute Tod
Fragt man Menschen, welchen Tod sie sich wünschen, erhält man oft die Antwort: einen "guten Tod". Genau genommen ist ein "gutes Sterben" gemeint. Was ein guter Tod ist, darum ist viel gerungen und darüber ist viel geschrieben worden.
Prinzipien eines "guten Todes"
- Zu wissen, wann der Tod kommt und zu verstehen, was zu erwarten ist
- Die Kontrolle über das Geschehen zu behalten
- Würde und Privatsphäre zugestanden zu bekommen
- Eine gute Behandlung der Schmerzen und anderer Symptome
- Die Wahl zu haben, wo man sterben möchte (zu Hause oder anderswo)
- Alle nötigen Inforamtionen zu bekommen
- Jede spirituelle und emotionale Unterstützung zu bekommen
- Hospizbetreuung überall, nicht nur im Krankenhaus
- Bestimmen zu können, wer beim Ende dabei sein soll
- Vorausbestimmen zu können, welche Wünsche respektiert werden sollen
- Zeit zu haben für den Abschied
- Gehen zu können, wenn die Zeit gekommen ist
- Keine sinnlose Lebensverlängerung erleiden
Das alles kann weitgehend geleistet werden durch das große therapeutische Personal von Medizin und Pflege. Man könnte versucht sein zu sagen: alle diese Hilfen wurzeln allerdings in diesseitigen Ressourcen. Diese Prinzipien scheinen vor allem darauf ausgerichtet zu sein, die Autonomie und Würde des Sterbenden zu bewahren. Der Wunsch nach spiritueller Unterstützung wird nur als einer unter vielen genannt.